Splendide ist eine unserer älteren Damen, eine grosse, fast ganz weisse Kuh, die schon sehr viel Milch gegeben hat und auch hoch punktiert ist. Allerdings hat sie einen sehr eigenwilligen, um nicht zu sagen, schwierigen Charakter. Schon als bei uns noch im Anbindestall gemolken wurde, war Splendide für ihre Kickattacken bekannt und alle näherten sich ihr mit gebührendem Respekt. Im Laufstall nun führt sie sich als die absolute Chefin auf, macht, was sie will, und ist oft ganz aggressiv ihren Mitkühen gegenüber, besonders auf die frischgekalbten Neulinge, die Rinder, die zum ersten Mal mit der Milchkuhherde laufen, hat sie es abgesehen. Brutal boxt sie mit ihrem massigen Kopf die noch schüchternen und von der Geburt geschwächten Jungkühe, dass diese manchmal umfallen.
Ich bin im Moment in der Endphase meiner Ausbildung zur Bachblütenpraktikerin, und mich interessiert es auch sehr, wie Dr. Bachs Blütenelixiere auf Tiere wirken. Mit Rescue Remedy habe ich bei schwierigen Kälbergeburten schon recht gute Erfahrungen gemacht, und so habe ich beschlossen, ein wenig weiter zu gehen und für Splendide eine persönliche Mischung zusammenzustellen. Vine, Beech, Holly, Impatiens und Heather habe ich in eine kleine Spritzflasche mit Wasser gegeben und diese heute Morgen in den Stall mitgenommen. Als Splendide im Melkstand war, ging ich nach vorne (normalerweise arbeite ich ja hinter den Kühen, wenn ich sie melke), und wollte ihr ein wenig von der Medizin ins Maul oder wenigstens ins Nasenloch tropfen. Madame schätzte das gar nicht, ein kräftiger Stoss mit dem Kopf, und schwupps, flog meine Flasche weit fort - und ich auch. Erst bloss verdutzt sass ich in den frischen Kuhfladen, die die vorherige Gruppe auf dem Melkstandboden hinterlassen hatten. “Bist du ok?” rief die Melkerin. Nein, ich war nicht ok, sondern K.O., mein rechtes Bein hatte eine mir wohlbekannte Position, und da ich schon eingängige Erfahrung habe, wusste ich gleich: ich brauche mal wieder eine Ambulanz, und einen Knochenschlosser, der mir das ausgkugelte Hüftgelenk wieder einrenkt. Es fing auch an, gemein weh zu tun. Die Melkerin wählte mit ihrem Handy die Notrufnummer, dann holte sie auf meine Bitte das Rescue-Fläschen, das ich immer in der Notfallapotheke im Stall habe, und es dauerte nicht lange, war das gelbe Wägelchen da, parkierte rückwärts vor dem Tor, bei dem wir sonst die verkauften Kühe verladen und zwei sehr freundliche und humorvolle Paramedics waren da. “Je suis dans la m****”, sagte ich zu ihnen, und bald duftete das Innere des Fahrzeuges nach Bauernparfum.
Um es kurz zu machen, auf der Notfallstation waren alle sehr freundlich und verständnisvoll für meine missliche Lage, ich wurde mit Schmerzmitteln versehen, vorsichtig ein wenig gewaschen und dann ins Röntgen gebracht. Was ich von Anfang an wusste, bestätigten die Bilder: Ausgerenkt. Der Rest war Routine: Eine kleine Kurzanästhesie, und nach dreienhalb Minuten war das Teil wieder an seinem Platz. Der Bauer holte mich ab und brachte mich nach Hause, und heute Abend stand ich wieder im Melkstand.
Ich war die ganze Zeit über recht ruhig und entspannt, trotz der Schmerzen. Ob da Rescue geholfen hat oder ob ich den Vorgang nun schon so gut kenne, dass es mich nicht mehr stresst?
Für Splendide habe ich eine neue Idee. Ich werde sie für einen Job bei Mac Donalds vorschlagen - eingebettet zwischen zwei Brötchenhälften!